Verborgene Ästhetik auf dem Asphalt des Dortmunder Ostwalls
Meine Bildserie ORT & IMPULS hat einen stark experimentellen Charakter. Es sind Mehrfach-Langzeitbelichtungen, die ich von der Dachterrasse des Hotels Neuhaus
am Ostwall in Dortmund aufgenommen habe.
Die resultierenden Bilder sind zum Teil weitab von der konventionellen Fotografie angesiedelt und nicht mit jedermanns Sehgewohnheiten kompatibel. - Darum: ein Experiment.
Vehement und deutlich vernehmbar ist der nervöse Herzschlag der Stadt am Dortmunder Ostwall. Tagsüber eine Hauptverkehrsader, die das Dortmunder Zentrum wie ein Koronargefäß umschließt, wird der Ostwall abends zur Rennstrecke für Poser und zum Balzplatz für manch einen übermotorisierten Don Quixote.
Mehrspurige Straßen in Großstädten, eingegrenzt von nüchterner Zweckarchitektur und spärlichem Grün sind keine Hot Spots für das Fotografieren „schöner Bilder“. Doch bietet eine leistungsfähige Kamera mit moderner optischer Ausrüstung viel Spielraum für die kreative Kombination der Aufnahmeparameter.
Zusätzlicher Spielraum für extreme Vefremdungen ergibt sich durch die Kombination und Bearbeitung der Einzelaufnahmen in der jeweiligen Bildserie.
Im Ergebnis wird in der vermeintlichen Tristesse eine fremdartig spannungsreiche Ästhetik sichtbar.
Warum dieser Titel?
Der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg hat im Kontext der Quantenphysik beschrieben, dass es nicht möglich sei, mit nur einer Messung den exakten Ort und die genaue Geschwindigkeit eines Teilchens mit beliebig hoher Genauigkeit zu bestimmen.
Während ich die Bilder für diese Serie auswählte, kam mir plötzlich Heisenberg in den Sinn. Die in der Unschärfe eingefangene Bewegung des fließenden Verkehrs ist ein bestimmendes Element der Aufnahmen. Die scharf abgebildeten statischen Details des Ostwalls und seiner Umgebung stehen hierzu im Kontrast.
Wären die Aufnahmen unter Laborbedingungen entstanden, ließe sich möglicherweise anhand der Aufnahmegeometrie, der Belichtungszeit der Kamera und aus der abgebildeten Strecke der Unschärfe die Geschwindigkeit eines vorbeifahrenden Fahrzeugs ableiten. Sein genauer Ort bliebe dagegen undeutlich über die Fläche „verschmiert“.
Alles das ist – wen wundert's – keine Quantenphysik!